„Da ist alles drin“ – Wie uns der Fortschritt abhängt

Mein Großvater hat das Internet nie richtig verstanden. Das kann man ihm schwerlich übel nehmen, schließlich wurde das Netz erst in den letzten zehn Jahren vor seinem Tod populär. Jedes Mal, wenn seine Kinder oder Enkelkinder über Fundstücke aus dem Internet sprachen, schüttelte er seinen Kopf und fragte: „Was ist da eigentlich alles drin?“

Seine Frage drehte sich weniger um Inhalt als um Platz: Für meinen Großvater war es unbegreiflich, dass ein virtueller Raum der physischen Realität entwachsen könnte. Wie sollte das Netz so viel möglich machen und gleichzeitig in einen Computer passen?

Ich erzähle diese Anekdote nicht, um mich über meinen Großvater lustig zu machen. Früher oder später wird ein Tag kommen, an dem mich der Fortschritt auf ähnliche Art und Weise überholt. Das wurde mir spätestens klar, als ich vom shifting baseline syndrome hörte: Es beschreibt das Phänomen, dass jedem Menschen genau die Realität normal erscheint, in die er oder sie hineingeboren wird. Für jede nachfolgende Generation verschiebt sich die Normalität entsprechend der vorherrschenden Lebensrealität: Opa baute Eisenbahnsignale, ich baue Webseiten. Keiner denkt sich etwas dabei.

Unser Gehirn ist folglich sehr gut darin, angesichts von Veränderungen ein Gefühl von Normalität zu erzeugen. Das geht bis zur Ignoranz: Wer weiß bei den meisten technischen Errungenschaften schon noch, wie diese funktionieren? Kilometer über dem Boden mit 600 km/h durch die Wolken zu fliegen ist so alltäglich geworden, dass die meisten Passagiere sich dabei langweilen. Keiner von ihnen zerbricht sich den Kopf darüber, wie ein Flugzeug eigentlich in der Luft bleibt.

Mindestens genauso verrückt ist, dass niemand über den Zeitpunkt nachdenkt, an dem man inmitten all der Normalität zum Stehen kommt und den Anschluss an das Neue verliert. Wenn man technische Geräte nicht mehr zu bedienen weiß, neue Errungenschaften verschläft und zu allem Überfluss die Musik der jungen Leute wie Krach klingt. Bislang hat dieses Schicksal noch jede Generation ereilt – warum also nicht die eigene?

Es passiert genau dann, wenn Normalität in Ignoranz umschlägt. Wer stets nur die eigene Realität betrachtet und die längst verschobene Baseline dabei aus den Augen verliert, wird sich zwangsläufig überrumpelt fühlen. Die Folge ist oft Ablehnung. Wer sich stets nur an den Status quo klammert, versteht diesen irgendwann genauso wenig wie mein Großvater das Internet. Denn wenn sich die Normalität stets verschiebt, muss man entweder Schritt halten oder man wird abgehängt.

Es ist dieser Mechanismus, der vielen Debatten in unserem Land zugrunde liegt. Wenn über Dinge gestritten wird, die längst zur Normalität gehören – etwa Homosexualität oder Islam – dann hat das viel mit Wahrnehmung zu tun. Wir verlieren den Wandel aus den Augen und fühlen uns von ihm bedroht, weil er aus dem Nichts zu kommen scheint.

Ich denke dann immer an meinen Großvater. Er hat sich sich an der Erfindung des Internets nie wirklich gestört. Schließlich konnte er im Gegensatz zu seinen Enkeln zumindest einen Lötkolben bedienen.

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