Das ist doch wie … – Analogie als Totschlagargument

Über Vergleiche, so Wasserdicht wie die Costa Concordia.

„Sitzen ist der neue Krebs“, warnte Apple-­Chef Tim Cook unlängst auf einer Technikkonferenz und bewarb damit eine Funktion der Apple Watch, welche den sitzenden Träger mehrfach pro Stunde auffordert, aufzustehen. Die Medi­en verbreiteten diese Aussage natür­lich eiligst, wiegelten aber ab: Cook sei sprachlich wohl unglücklich durch­einandergeraten. Bekanntermaßen sei Sitzen nicht etwa der neue Krebs, sondern das neue Rauchen und vom Rauchen könne man Krebs bekommen.

Googeln Sie _Sitting is the new smoking_, erhalten Sie aktuell über 115.000 Treffer, garniert mit grotesken Symbol­bildern wie einem Strichmännchen, das mit hängendem Kopf auf einer Zigaretten­schachtel sitzt. In den Suchergebnissen geht es aber tatsächlich um Gesundheits­studien, die einen Zusammen­hang zwischen dem Sitzen und allen erdenklichen Zivilisations­krankheiten nachgewiesen haben. Menschen, die jeden Tag viele Stunden sitzen, haben ein erhöhtes Risiko, Diabetes und Übergewicht zu bekomm­en bzw. am Herzen oder an Krebs zu erkranken. Das ist eine Hiobsbotschaft für alle, die bei der Arbeit sitzen – also fast jeder. Nur was hat das mit dem Rauchen zu tun?

Unsinnige Vergleiche haben Hochkonjunktur

Obwohl er millionenfach gemacht wird, ist der Vergleich einfach schlecht: Zwar wurde auch Rauchen ursprünglich für unbedenklich gehalten, aber die zwei Tätigkeiten sind ansonsten grundverschieden. Damit gehört _Sitting is the new smoking_ in eine illustre Liste prominenter aber unsinniger Vergleiche: Der Mindestlohn ist die neue Enteignung. Pegidas sind die neuen Neo-Nazis. ISIS ist das neue al-Qaida. Leipzig ist das neue Berlin und Berlin ist das neue New York. Das mag alles gut klingen, aber bei aller angebrachten Abneigung macht man es sich zu einfach damit, sächsische Islamgegner und brandenburgische Juden­hasser in einen Topf zu werfen. Und wenn wir schon bei Sachsen sind: Wäre Leipzig Berlin sowie Berlin New York, dann wäre Leipzig konsequenterweise New York. Es ist zum Verzweifeln.

Unsinnige Vergleiche haben dennoch Hochkonjunktur. Sie werden allerorts bemüht, wenn es komplexe Sachverhalte auf die Schnelle zu erklären gilt. Das Verführerische an ihnen ist, dass sie oftmals auf den ersten Blick Sinn ergeben. Bei genauem Hinschauen werden sie aber nicht den Fakten gerecht – denn ein Vergleich geht nicht an die Quelle einer Problematik, sondern daran vorbei. Damit sind sie wie die Apple Watch, die uns vielleicht zum Aufstehen animieren kann, aber natürlich nichts daran ändert, dass die moderne Wirtschaft monotone Schreib­tischarbeit hervorgebracht hat, welche uns auf Dauer krank macht.

Also lassen Sie sich nicht in die Irre leiten, wenn Ihnen das nächste Mal ein simpel anmutender Vergleich begegnet. Er trübt Ihren unvoreingenommenen Blick auf neue Fakten, weil er zwangsläufig an etwas anderes erinnert, das bereits positiv oder negativ besetzt ist. Unterstellt man den Autoren eines Vergleichs gar böse Absichten, ist der Vergleich eine bewusste Ablenkung vom eigenen Denken, weil er Ihre Urteilsfähigkeit mit dem Verweis auf einen gesellschaftlichen Konsens an die Kette legt.

Daher: Vergleiche sind die neuen Denkverbote. So.

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