Die romantischen Anonymen – Unsere Faszination mit dem Hackerkollektiv

Der Plan muss erprobt gewesen sein: Ein Kabel ausgraben, durchtrennen und beim örtlichen Schrotthändler als Altmetall verkaufen – eine armenische Rentnerin sorgte vergangenes Jahr für Schlagzeilen, als sie mit dieser Aktion zur Aufbesserung ihrer Rente versehentlich ganze Teile Armeniens und Georgiens stundenlang vom Internet abschnittund offenbarte, wie wackelig die Internetinfrastruktur eigentlich sein kann.

Deutlich komplizierter sind da schon die Pläne, die das Hackerkollektiv Anonymous angeblich im Schilde führt: In einer koordinierten Aktion am 31. März, so eine Nachricht auf der Seite pastebin, soll durch einen gezielten Angriff auf 13 Server das komplette Internet lahmgelegt werden – aus Protest gegen restriktive Internetgesetzgebung und vermutlich auch einer Prise Größenwahn. Denn obgleich bereits Zweifel an der Aktion aufkommen, klingt die Ankündigung sowohl im Umfang als auch in ihrer Tonalität genau nach einem Projekt der Gruppe.

Zwischen Nerdfantasie und V for Vendetta

Über Anonymous ist in den vergangenen Monaten viel geschrieben worden, und doch bleibt das Kollektiv so nebulös wie sein Name. Irgendwo zwischen Nerdfantasie und V for Vendetta angesiedelt, sorgt die lose Gruppe mit immer neuen Ideen für Diskussion. Die Geschichte von Anonymous und seinen Taten ist dadurch mittlerweile filmreif, zumal sie mühelos zahllose Widersprüche vereint. Das Kollektiv operiert still und leise, jedoch stets mit der Zielsetzung, die größtmögliche Welle der Aufmerksamkeit loszutreten. Dabei bietet sie aber weder Bewunderung noch Verachtung eine Projektionsfläche: Anonymous mag unter dem Banner einer bemerkenswert wasserdichten Corporate Identity auftreten und bleibt dennoch klandestin. Ihre Symbolik aus kopflosen Anzugträgern, Guy-Fawkes-Masken, einer monotonen Computerstimme und dem Slogan „Erwartet uns“ ist so verheißungsvoll, dass man sie ungewollt romantisieren muss – und Hacking, ein eigentlich angestaubtes Thema, zurück in den Mainstream rückt. Es ist, als würde urplötzlich wieder mit Graffiti gegen das Establishment gekämpft werden, die Tags auf S-Bahnbrücken wieder etwas bedeuten und der Großstädter gebannt und regungslos auf die nächste farbige Botschaft warten.

Somit ist das Bemerkenswerte an Anonymous die Tatsache, dass man ihnen mittlerweile viel mehr zutraut, als die Gruppe vermutlich wirklich vermag. Das Internet ist kein Kabel in Armenien und allen Medienberichten zufolge sind die Hacker entweder engagierte Teenager oder einzelne Scherzkekse aus Internetforen, die sich langsam immer besser organisiert haben. Die Taten mögen bereits beeindrucken, doch ist es noch zu früh, tatsächlich an eine anonyme Masse zu denken, die des Nachts vor der Kommandozeile sitzt und unser Internet ausschaltet. In der Berichterstattung über die Gruppe steht zwischen den Zeilen dennoch eine vage Bewunderung oder Furcht vor der Unberechenbarkeit des Kollektivs.

Das mag auch daran liegen, dass Anonymous nicht in die grundsätzlichen Kategorien von Gut und Böse passt – die Aktivisten sind beileibe keine Ritter in strahlender Rüstung und kämpfen auch weniger für ein idealistisches Ziel als gegen schlechte Gesetze, unfaire Praktiken und mexikanische Drogenbanden. Für die Zuweisung normaler Attribute fehlen somit schlichtweg einige wichtige Puzzleteile.

Robin Hood mit Kommandozeile

Genau das macht Anonymous aber zu einem leicht chaotischen und dennoch wesentlich effizienteren Robin Hood des 21. Jahrhunderts. Einzelne Hacker mögen in Unterwäsche vorm Laptop sitzen, in unserer Wahrnehmung stehen sie ihm und seiner Bande aus Sherwood Forest wenig nach. Ihre Methoden sind allerdings so undurchsichtig, dass letztlich auch die Analogie zum Graffiti hinkt: Im Gegensatz zur Spraydose hat noch kein Normalverbraucher je eine Kommandozeile bedient und wir können zweifellos nicht verstehen, wie amerikanische Sicherheitsserver geknackt werden.

Stattdessen denke ich manchmal an die armenische Rentnerin, die mit klammen Fingern das Weltkabel aus dem Boden zieht und mit einer Gartenschere durchtrennt. In der angrenzenden Hauptstadt Jerewan unterbrechen in diesem Moment Telefongespräche und Videokonferenzen, F5-Tasten werden malträtiert und Router aus- und eingeschaltet. Auch dort mag man ans Hackerkollektiv denken: Doch als wenige Tage später eine Metallsammlerin festgenommen wird, versteht man zumindest die technischen Hintergründe.

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