Diktatoren, die an Uhren drehen – Zeitumstellung und andere Pfadabhängigkeiten

Heute Nacht beginnt sie wieder, die größte gemeinschaftliche Aktivität der Deutschen. Manche verstellen mitten in der Nacht die Uhr. Andere drehen den Zeiger bereits vorm Schlafengehen eine Stunde weiter. Funkuhren summen leise vor sich hin, wenn der sonst so stoische Zeiger plötzlich eine schnelle Runde dreht.

Die Sommerzeit wurde ursprünglich während des Ersten Weltkrieges eingeführt. Noch heute – nahezu 100 Jahre später – verstellen wir daher Millionen von Uhren. Man hat sich an das Unterfangen gewöhnt, und doch ist es eine Mammutaufgabe: Kirchturmuhren müssen erklommen werden, Flugzeuge durchfliegen sich verändernde Zeitzonen, Sonnenuhren brauchen zwei Zahlenreihen.

Wir verweigern uns dem Wandel

Allen Warnungen der großen Medien zum Trotze, werden zudem unzählige Termine verpasst. Menschen stehen zur falschen Zeit auf, andere – die offensichtlich jede Nacht die gleiche Menge Schlaf bekommen – beklagen sich tagelang über die verlorene Stunde. Gerät die Konstante Zeit gleich zweimal pro Jahr ins Wanken, wankt Deutschland mit. Von Nordamerika ganz zu schweigen, wo man zu allem Überfluss auch noch zwei Wochen vorher umstellt.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass die Sommerzeit noch immer in Gebrauch ist. Sie wurde unzählige Male abgeschafft und neu eingeführt – zuletzt als Folge der Ölkrise. Selbstredend sind die Gründe für die Massenakrobatik am Ziffernblatt mittlerweile verschwunden: Galt es ehemals, den Verbrauch von Kerzenwachs oder Öl einzuschränken, hat der Stromverbrauch mittlerweile ganz andere Dimensionen angenommen. Dazu braucht es keine Stadt, die niemals schläft, sondern einfach ein auf dem Nachttisch aufgeladenes Handy. Übrigens: Die Vorteile der Sommerzeit auf unseren Energieverbrauch wurden niemals nachgewiesen. Von der Trickserei mit der Zeit profitieren lediglich der Handel oder Outdoorveranstaltungen – was angesichts der Dauerkrise allerdings auch keinen gravierenden Unterschied zu machen scheint.

In den USA läuft aus diesem Grund seit einigen Wochen eine Petition ans Weiße Haus, welche die Abschaffung der Sommerzeit fordert. In dem Land wäre dies auch am bittersten nötig – denn während in der EU zumindest gleichzeitig an der Uhr gedreht wird, verweigern manche der traditionell autonomen Bundesstaaten die Umstellung komplett und verharren ganzjährig in der Winterzeit. Gelingt es den Initiatoren der Petition, bis zum 4. April die notwendige Anzahl von 100.000 Unterschriften zu sammeln, so verpflichtet sich das Weiße Haus zu einer Antwort – mit einer tatsächlichen Änderung rechnen allerdings wenige.

Bei aller Komplexität des bestehenden Systems ist das Festhalten an der Zeitumstellung aber auch zutiefst menschlich. Wir verweigern uns jedem Wandel – und die Sommerzeit abzuschaffen hätte zunächst Nebenwirkungen, die einen die Schwächen des bestehenden Systems hinnehmen lassen.

Deutlich wird das am Beispiel Großbritanniens, welches zwischen 1968 und 1971 mit der Angleichung seiner Zeitzone ans europäische Festland experimentierte – indem die Sommerzeit einfach beibehalten wurde. Die Freude der Schotten über mehr Tageslicht war aber nur von kurzer Dauer, denn letztlich wurde der Versuch aufgrund seiner tragischen Folgen beendet: Auf dem Weg zur Schule waren diverse Kinder in der morgendlichen Dunkelheit das Opfer von Verkehrsunfällen geworden. Gegen diese erdrückende Tatsache half auch kein Einwand der Statistiker, dass die Anzahl der Opfer ungefähr der Anzahl der Überlebenden in den Abendstunden entsprach. Es liegt in der Natur unserer Nachrichten, dass morgendliche Kindesopfer spektakulärere Meldungen abgeben als Überlebende in den Abendstunden.

Auch Spanien (das westlicher als Großbritannien liegt) befindet sich in der gleichen Zeitzone wie Deutschland. Die Ursache dafür liegt beim lange verstorbenen Diktator Franco, welcher Spaniens Zeit an die seiner faschistischen Freunde in Deutschland und Italien angleichen wollte. In den Niederlanden waren es dagegen die Nazis, welche die gebräuchliche Zeitzone (20 min nach GMT) während der Besetzung kurzerhand durch die deutsche Zeit ersetzten. Jahrzehnte sind seit Franco und der Ölkrise vergangen, und doch gehen die Uhren gleich. Das demonstriert, wie sehr Pfadabhängigkeiten unseren Alltag beherrschen – selbst wenn sie auf Hitler zurückgehen.

Schluss mit „Weiter so!“

Die Abschaffung der Sommerzeit wird vermutlich ein frommer Wunsch bleiben – wir haben uns einfach zu sehr an sie gewöhnt. Trotzdem ist das Verstellen der Zeit eine gute Gelegenheit, um andere Dinge zu hinterfragen. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ ist nicht nur eine schlechte Entschuldigung, sondern versperrt auch noch den Blick auf neue Ideen. Vielleicht braucht eine Stadt keine weiteren Parkplätze für immer mehr Autos, sondern mehr Fahrradwege. Vielleicht müssen wir unsere Wohnungen nicht länger mit Regalen voller Bücher vollstellen, sondern könnten diese mit anderen teilen. Und vielleicht wäre nach fünf Jahren Krise sogar Schluss mit der Alternativlos-Rhetorik angesagt. Möglichkeiten gibt es genug – es wäre ein Fehler, immer die Logik der Sommerzeit anzuwenden.

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