Fotostrecken

Auf dieser Seite zeige ich eine Auswahl von Fotostrecken, die ich in verschiedenen Print-Ausgaben des Magazins The European veröffentlicht habe. Die zugehörigen Texte entstanden auf Grundlage von Interviews. Die Recht der Bilder liegen bei den jeweils angegebenen Fotografen.

Ganz Oben

Die Finanzbranche ist auch deswegen so gefürchtet, weil Banker und Investoren an abstrakten Orten operieren – wie Hannes Jung eindrucksvoll zeigt.

 

Hannes Jung nennt das Frankfurter Bankenviertel ganz selbstverständlich eine „sehr eigene Welt“. Der Frankfurter Fotograf lernte sie während seiner Tätigkeit für die „FAZ“ kennen, als er dieses ihm lange so fremd gebliebene Stadtviertel regelmäßig besuchte. „Es ist ein Ort voller Uniformität“, sagt er und beschreibt die glatten Gebäudefassaden und die immer gleiche Kleidung, die er dort beobachtete. „Man könnte von Schutzanzügen sprechen“, sagt Jung, der den Eindruck bekam, die Banker und Investoren würden sich durch ihre Uniformen von der Öffentlichkeit abschirmen. Er berichtet von einem Pissoir im obersten Stock der Commerzbank, welches bei der Benutzung einen Blick über die ganze Stadt erlaubt. „Ich bin mir nicht sicher, ob das Absicht war. Die Vorstellung, wie ein Banker von oben auf die Stadt uriniert, ist aber auf jeden Fall fatal.“

Sitzt er mit seinem Eindruck dem negativen Bild der Heuschrecken auf? Jung überlegt ein wenig. „Es ist so, dass die Moral bei Finanzspekulation nur eine untergeordnete Rolle spielt. Jemand, der in dieser Branche arbeitet, muss sich solche moralischen Vorwürfe gefallen lassen.“ Mehr noch: Mit seinen Bildern möchte Jung die Natur dieser Branche und ihre oft unmoralischen Praktiken zurück ins Licht der Aufmerksamkeit rücken. „Ich bin davon überzeugt, dass Bilder eine spezielle Kraft haben“, sagt er. Sie erlauben es ihm, komplexe Eindrücke leicht zu vermitteln – und damit etwas auszulösen. „Denken Sie an die NSA- Affäre: Was dort passiert ist, ist ein Skandal – aber die Aufregung hielt sich in Grenzen. Was fehlte, war ein visuelles Element, wie man es von Konflikten oder Kriegen gewohnt ist.“

Aus: The European 2/2015 zum Thema Bankenregulierung. Alle Fotos: Copyright Hannes Jung

 

Alte Hasen

Was passiert mit perfekten Körpern, wenn sie nicht mehr im Rampenlicht stehen, außer dass sie altern? Mit ihren Bildern ehemaliger Playboy-Bunnies fordert die Fotografin Robyn Twomey unser Schönheitsideal heraus.

 

„Playboy“-Gründer Hugh Hefner soll einmal gesagt haben, dass es ihn jung halte, so viel Zeit mit schönen Frauen zu verbringen. Und in der Tat tritt der mittlerweile 88-Jährige bis heute mit immer jüngeren Freundinnen auf.
Robyn Twomey machte das schon immer stutzig. „Ich fragte mich: Was passierte mit den Frauen auf den Bildern? Wie sehen die Bunnies von damals heute aus?“ Die amerikanische Fotografin beschäftigt sich in ihrer Arbeit regelmäßig mit dem Bild von Frauen in unserer Gesellschaft – nicht zuletzt durch Aufträge, bei denen jugendliche Schönheit und perfekte Körper im Fokus stehen. „Ich hatte die Idee, das Frauenbild in der Presse zu erforschen“, berichtet sie. „Der ‚Playboy‘, als Symbol für weibliche Schönheit und für Sex in Amerika, erschien mir das perfekte Medium dafür.“

Twomey beschloss, Frauen zu porträtieren, welche vor mehr als 20 Jahren Teil des Hefner-Imperiums waren. Frauen, die heute über 50 Jahre alt sind und deren Karriere als „Playmate“ lange hinter ihnen liegt. Verblüffenderweise war die Kontaktaufnahme einfacher als erwartet: Ehemalige Playboy-Bunnies treffen sich regelmäßig in Las Vegas, wo die Fotografin die ersten Porträts anfertigte. Andere Frauen besuchte Twomey zu Hause, wo sie sie mit selbstgewählten Outfits und in eigenen Posen ablichtete. Viele dieser Posen erinnern nicht nur zufällig an die Bilder ihres ehemaligen Arbeitgebers.

Robyn Twomey musste dabei auch mit ihren eigenen Stereotypen aufräumen. „Ich hatte nicht erwartet, dass diese Frauen sich durch ihre Arbeit für den „Playboy“ bestärkt und vor allem sexuell befreit fühlten.“ Der „Playboy“ erschien ihr immer wie Ausbeutung, nicht zuletzt, weil die Models nur so lange vor der Kamera stehen, wie sie einen perfekten Körper haben. „Bilder von Frauen über 50 aufzunehmen, stellte sich daher als erstaunlich politischer Akt heraus“, bemerkt die Fotografin. „Diese Frauen gehören zu einer Gruppe, die in den Bilddatenbanken großer Medien komplett fehlt.“ Mit ihren Bildern demonstriert Twomey, wie einseitig das Schönheitsempfinden unserer Gesellschaft ausgeprägt ist – und wie diese Konvention unser Bild von erstrebenswerten Körpern prägt. „Altern und seine Folgen ist nichts, wovor wir uns fürchten müssen. Eine von der Jugend besessene Kultur verpasst, wie viele Facetten Schönheit eigentlich hat.“

Nur Hugh Hefner möchte diese Lektion nicht lernen. Vor einigen Jahren erwarb er den Grabplatz neben Marilyn Monroe, um auch nach dem Tode neben einer ewig jungen Schönheit zu sein.

Aus: The European 3/2014 zum Thema Schönheit. Alle Fotos: Copyright Robyn Twomey.

 

Im Rotlicht

„Ich war praktisch farbenblind.” Der Fotograf Richard Mosse will mit seinen Bildern das Unsichtbare, Versteckte und Ungreifbare des Kongo-Konflikts sichtbar machen.

 

Krieg wird erst real, wenn wir ihn sehen. Als in Vietnam erstmals Journalisten US-Soldaten begleiteten, sorgten ihre Berichte in der Heimat für heftige Proteste. Seit dieser Zeit wird die mediale Kriegsbegleitung immer intensiver: Als 2003 Bomben auf Bagdad fielen, waren die Explosionen der „Shock and Awe“ genannten Kampagne live im Fernsehen zu sehen. Bei der Bombardierung Libyens hatten die Nachrichtenseiten Übersichtskarten, die Angriffe in Echtzeit zeigten. Medien berichten und Me- dien urteilen – und viel zu oft teilen sie in Gut und Böse ein.

Wenn aber ein Konflikt übersehen wird, wenn Medien ihn ignorieren, dann wird ihn die Öffentlichkeit nicht wahrnehmen. Der Konflikt im Ostkongo, der seit 1998 geschätzte 5,4 Millionen Opfer forderte, findet medial nicht statt. Für den Fotografen Richard Mosse eine Tragödie – und eine Herausforderung.

„In meiner Arbeit kämpfe ich oft damit, ein abstraktes Phänomen darzustellen“, berichtet der Fotograf. „Die Optik der Kamera produziert enorm realitätsnahe Bilder, doch die Welt ist weniger eindeutig, als sie auf Bildern erscheint. Flugzeugunglücke, Terrorismus, moderne Kriegsführung, das Verhältnis zwischen Besetzungsmacht und ihren Feinden, Märtyrer im islamischen Extremismus – oder die Ausmaße des Konfliktes im Kongo – all diese Themen lassen sich nur schwer mit traditionellem Realismus ausdrücken, weil sie selbst so schwer verständlich sind.“

Bei seiner Arbeit im Kongo entschied sich der Ire daher für einen Kunstgriff: Er verwendete einen Infrarot-Film namens Kodak Aerochrome, der seit Jahren nicht mehr hergestellt wird. Der wurde einst vom US-Militär verwendet, um in Konfliktgebieten Bilder aus der Luft zu machen, und dabei Tarnungen und Verstecke aufzudecken. Der Film offenbart die infraroten Wellenlängen des sichtbaren Lichts und produziert Bilder voller Farbtöne, die dem menschlichen Augen normalerweise verborgen bleiben. Richtete der Fotograf seine Kamera auf die Landschaft, wusste er kaum, was der Film einfangen würde: „Ich war praktisch farbenblind.“

Auf den Fotos ist der Kongo in psychedelisch anmutenden Rot- und Rosatönen zu sehen. Mosses Bilder zeigen surreale Landschaften, die gleichzeitig ver- zaubern und verstören. Die Fotos sind eine Metapher für das eigentliche Vorhaben des Fotografen. Mit seinen Bildern möchte Mosse „das Unsichtbare, Versteckte und Ungreifbare“ des Konflikts sichtbar machen. Mehr noch: Er möchte der Weltöffentlichkeit einen Krieg vor Augen führen, den sie bislang nicht kennt, einen Krieg, über den Medien kaum berichten.

Aus: The European 3/2014 zum Thema Infokrieg. Alle Fotos: Copyright Richard Mosse.

 

Bild der Frau

Während des Zweiten Weltkrieges herrschte in den USA weitgehend Gleichberechtigung im Job – aber nur für kurze Zeit.

 

Der Begriff „Heimatfront“ bezeichnet die zur Unterstützung der kämpfenden Truppen eingesetzten Betriebe und Menschen. Er suggeriert, dass der Krieg auch zu Hause geführt wird – allerdings nicht im Staub des Schlachtfeldes, sondern in den Funken des Schweißgeräts. Die Heimatfront ist also vornehmlich ein Propagandabegriff: Den Soldaten verspricht er Unterstützung von daheim, die Zivilbevölkerung motiviert er, ihr Bestes zu geben.

Das wusste auch US-Präsident Roosevelt, der im Zweiten Weltkrieg nicht nur gegen Japaner und Deutsche, sondern auch gegen die Stimmung im eigenen Land kämpfte. Die USA waren nach Ausbruch des Krieges zwei Jahre lang formell neutral, erst nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 zog das Land widerwillig in den Krieg. Roosevelt rüstete daraufhin nicht nur das Militär seines Landes auf. Er legte auch Wert darauf, dass dies öffentlichkeitswirksam vonstatten ging.
Was die Heimatfront mit der Rolle von Frauen zu tun hat? Da 1941 immer mehr Männer in den Krieg zogen, übernahmen Frauen ihre Arbeit in der Rüstungsindustrie. Ein gefundenes Fressen für das neu gegründete Office of War Information: Mit Bildern arbeitender Frauen in traditionellen Männerdomänen illustrierten sich die gewünschten Berichte vom geschlossenen Auftreten des Landes wie von selbst. Und dieses neue Bild der Frau beeinflusste zu Kriegszeiten nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Fotografie. Statt der üblichen Motive von Frauen bei Hausarbeit oder Kinderaufzucht werden Frauen nun als konzentriert arbeitende Technikerinnen gezeigt. Manche von ihnen tragen Overalls und Militärkleidung, andere posieren in Stoffhose und Bluse, mit elektrischem Schraubenzieher in der Hand.

Dass die Fotos eine geradezu cineastische Qualität haben, liegt nicht nur an den Fotografen, sondern auch an der neuen Technik. Die Fotos von Frauen in Rüstungsbetrieben machte der erfahrene Fotograf Alfred T. Palmer, der mit seiner Kamera bereits die halbe Welt bereist hatte. Und weil er auf Regierungskosten arbeitete, konnte er den damals noch teuren Kodachrome-Farbfilm verwenden – selbstredend auch „made in USA“ So sind Palmers Fotos nicht nur perfekt ausgeleuchtete Dokumente der amerikanischen Kriegsgeschichte sondern gleichzeitig Manifestation des Nationalstolzes: ein Amerika, zu dem Frauen einen wichtigen Teil beitrugen.

Leider war dieser Zustand nur von kurzer Dauer. Nach Kriegsende wurde von Frauen erwartet, ihre Jobs wieder aufzugeben, um den rückkehrenden Veteranen Platz zu machen. 1946 wurden vier Millionen Frauen entlassen und es sollte bis 1963 dauern, dass Diskriminierung von Frauen im US-Arbeitsmarkt per Gesetz verboten wurde. Nicht zuletzt der Unmut über die erzwungene Rückkehr an den Herd hatte der Frauenbewegung bei Erreichen dieses Ziels geholfen.
Palmers Fotos sind daher mehr Momentaufnahme als Zeugnis echter Gleichberechtigung. Sie zeigen eine Scheinwelt, die es eigentlich bis heute nicht gibt. Aber so ist Propaganda nun einmal.

Aus: The European 1/2015 zum Thema Emanzipation. Fotos: Gemeinfrei.

More Projects