Hashtag Fail – Das Internet-Schlagwort ist unerträglich geworden

Vergangenen Sommer sprach ich mit einer Repräsentantin von Facebook. Unter anderem ging es darum, wie sich das soziale Netzwerk auch in Zukunft behaupten könne. Die enthusiastische Amerikanerin erklärte mir, dass man gerade ein wichtiges neues Feature dafür eingeführt hätte: Hashtags.

Die Ironie lag in der Rückwärtsgewandtheit dieser Antwort. Denn bevor es beim Branchenprimus anlangte, hatte das Hashtag bereits den sprichwörtlichen Marsch durch die Institutionen bewältigt: Das Schlagwort nach dem #-Symbol wurde einst von Twitter-Nutzern eingeführt, um eine Kontextualisierung ihrer Tweets zu ermöglichen: Man twittert über ein Stellenangebot der eigenen Firma und fügt die hilfreichen Worte #jobs und #berlin hinzu, damit der Tweet gefunden wird. So weit, so sinnvoll.

Diese Konvention war so eingängig, dass sie sich schon bald auf anderen Netzwerken wiederfand, welche das Konzept weiterspannen: Beim damals neu gegründeten Dienst Instagram erlaubten es Hashtags, ein Foto zu verschlagworten – und damit vom Computer findbar zu machen: Anstatt die Bildinformation zu interpretieren, konnte der Computer einfach das Hashtag #sonnenuntergang verwerten – der Vorteil liegt auf der Hand. Hashtags waren plötzlich allgegenwärtig, ja sie überschwemmten das Internet mit Kontextualisierungen ungekannten Ausmaßes. Leider muss man mittlerweile sagen: Sie sind unerträglich geworden.

Ewige Wiederholung der gleichen Idee

Denn irgendwann sprach sich herum, dass sich Hashtags nicht bloß zu ihrem ursprünglichen Zweck verwenden lassen, sondern viel mehr kreativen Freiraum bieten: #ironie räumt alle Zweifel über den Ernst einer Aussage beiseite. Das beliebte #fail wiederum macht das Versagen überdeutlich.

Einblick in die bunte Welt der Hashtags bieten die wunderbaren Tumblr-Blogs „Selfies at Funerals“ oder „Rich Kids of Instagram“ – diese Blogs sammeln Bilder und Hashtags von besonders furchtbaren Auswüchsen der sozialen Medien. Auf den Blogs sehen wir mit Wonne gezogene Schnuten bei der Trauerfeier mit den Hashtags #sadday #rip #aunt #judy. Oder wir bewundern reiche Jugendliche, die ihre Schlangenlederschuhe mit dem Hashtag #ausgestorben präsentieren.

Naheliegend war daher wohl der Gedanke, wirklich jedem Phänomen auf der Welt einen eigenen Hashtag zu verpassen: #planking für das flache Herumliegen auf einer Oberfläche, #holdinghands für – Sie erraten es – das Händchenhalten bis hin zu #ZlatanWasHere für Sichtungen des schwedischen Fußballstars Zlatan Ibrahimovic.

In gewisser Weise ist das ein Ausdruck des Mitmachcharakters des Internets – schließlich kann jeder zu diesen Themen etwas beitragen. Aber es lädt auch ein zum Wiederholen: Mit Hashtags wird eine Idee anderer Leute immer neu aufgekocht. Und so sind massentaugliche Hashtags das Antlitz einer andauernden Repetition, nach deren Logik jedes noch so winzige Phänomen einem Schlagwort untergeordnet werden muss.

Und das ist es, was mich an der Besessenheit mit Hashtags am allermeisten stört: Sie ist Ausdruck einer Computerlogik, die es von der Maschine in die echte Welt geschafft hat und dort versucht, jeden Alltagsaspekt maschinenlesbar zu machen. Und aufgrund ihrer großen Akzeptanz dienen die Schlagworte nicht länger nur der Erleichterung von Kommunikation mit dem Computer, sondern der Kommunikation untereinander. Eine ganze Bandbreite von Emotionen wird unter Begriffen wie #fail subsumiert, die Sprache heruntergebrochen auf leicht verdauliche und zweifelsfrei identifizierbare Textbrocken mit einer Raute davor.

Das Hashtag ist das „lol“ unserer Zeit

Schlimmer noch: Immer öfter schafft es diese Logik auch in die gesprochene Sprache. Den Ausruf „Hashtag fail!“ habe ich schon mehrfach und von verschiedenen Leuten gehört, die damit ein Misslingen ausdrücken wollten. Das erinnert frappierend an die frühen 2000er-Jahre, als Chatbegriffe wie lol plötzlich über die Pausenhöfe schallten. Das Hashtag ist der überflüssige Internetbegriff unserer Zeit.

Wenn alles maschinenlesbar sein muss, wenn die gemeinschaftlichen Hashtags andere Worte ersetzen, dann muss die Kreativität zwangsläufig zurückstecken: Für jede Handlung wird immer der gemeinsame Nenner gesucht. Wenn es zu gewissen Aktionen keine Hashtags gibt, werden diese eben erfunden, auf dass Heerscharen von anderen Internetnutzern das gleiche Phänomen mit dem gleichen Hashtag imitieren.

Als in den 1970er-Jahren der maschinenlesbare Personalausweis eingeführt wurde, stand Deutschland Kopf. Der neue Pass galt als Vorbote eines Kontrollstaates und wurde zur Projektionsfläche für Überwachungsängste in ganz Deutschland. Diese Angst war Ausdruck einer großen Skepsis gegenüber einer maschinellen Erfassung vom Lebendigen. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass mittlerweile selbst die Kommunikation den Weg des Personalausweises gegangen ist.

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