Kontrolle ist schlecht, Vertrauen noch schlechter – Die Sprache der Verhandlungen mit Griechenland

In der Griechenland-Krise geht es nicht nur um Geld – sondern vor allem um einen äußert überstrapazierten Begriff.

Müsste ich schon Ende Juni ein Unwort des Jahres bestimmen, fiele meine Wahl zweifellos auf das „Vertrauen“. Unwörter sind meist bestialische Wortkonstruktionen wie „Döner-Morde“ oder „Humankapital“, die ohne großes Nachdenken entstehen, in den Diskurs gelangen und nach einer Phase der Besinnung in der Versenkung verschwinden. „Vertrauen“ ist aber ein Unwort anderen Typs, ein für sich genommen neutraler Begriff, der erst im Verlauf der aktuellen Griechenland-Krise neu besetzt wurde.

Aufgefallen ist mir die Wandlung des Wortes und seine politische Dimension erst zu Beginn des Jahres. Die Reaktionen nordeuropäischer Politiker nach dem Wahlsieg der Syriza enthielten den Appell, das „bislang aufgebaute Vertrauen nicht zu zerstören“. Man rechnete mit dem Schlimmsten: Dass die gegen die Sparpolitik angetretene neue griechische Regierung ihre Forderungen tatsächlich ernst meinte, dass sie den von früheren Regierungen eingeschlagenen Weg nicht zu Ende gehen würde. Seit 2011 lautete die Vereinbarung „Geld gegen politische Zugeständnisse“, Vertrauen war somit gewissermaßen die Währung zwischen Geldgebern und einem eigentlich längst bankrotten Land.

Vertrauen war längst keins mehr

Der Duden definiert Vertrauen als „sichere Erwartung, fester Glauben daran, dass man sich auf jemanden, etwas verlassen kann“. In der Krise bedeutete Vertrauen ursprünglich, dass sich die Troika auf die Umsetzung innenpolitischer Reformen verlassen konnte. Die Regierungen Papandreou, Papademos und Samaras genossen dieses Vertrauen, weil sie zwar verhandelten, die Prämissen der Sparpolitik aber teilten. Mit der Zeit erwuchs aus dieser Gewissheit der Gläubiger eine Erwartungshaltung: Dass auch in Zukunft Verlass darauf wäre, die Griechen würden die bittere Medizin der Geldgeber schlucken. Vertrauen war nicht mehr ein Synonym für Verlässlichkeit, sondern ein Anspruch, dass es so weiterginge wie bisher. Spätestens nun war es auch längst kein Vertrauen im eigentlichen Sinne mehr. Dieses Vertrauen erlaubte weder Raum für kleine Fehltritte noch für die normalerweise implizierte Freiheit.

Seit Anfang dieses Jahres steht es nun schlecht um das Vertrauen. Schon im März merkte der Bundesfinanzminister an, die Regierung Tsipras habe „alles Vertrauen zerstört“. Im April forderte IWF-Chefin Lagarde, das Vertrauen müsse wieder hergestellt werden. Kürzlich betonte Jean-Claude Juncker im „Spiegel“-Gespräch, sein Vertrauen in Tsipras sei „nicht immer ebenbürtig erwidert worden“. Kürzen wir es an dieser Stelle ab und resümieren mit der „Zeit“: Das „letzte Quäntchen Vertrauen“ ist weg.

Ein Wort für Fassungslosigkeit

Sicherlich, die hohe politische Ebene, auf der die Gespräche zur weiteren Finanzierung Griechenlands stattfinden, hat ihre eigenen Regeln, Normen und Redewendungen. Wenn sich Finanzminister beraten, gehört die viel diskutierte Krawatte ebenso zum Protokoll wie der Gebrauch von Worthülsen. Der inflationäre Gebrauch des angeblichen Verlustes von Vertrauen war Ausdruck von Fassungslosigkeit darüber, dass Tsipras & Co. nicht nur die bisherige Politik infrage gestellt haben, sondern auch ganz andere Ursachen für die Krise benannten. Das scheinbar erratische Verhalten griechischer Verhandlungsführer tat sein Übriges. Tsipras’ Ankündigung einer Volksabstimmung verstieß dann endgültig gegen das Protokoll – entsprechend brüskiert geben sich die Finanzminister und entsprechend oft muss wieder das Vertrauen dafür herhalten, dem Frust Ausdruck zu verleihen.

Die Lage ist zum Verzweifeln: In Griechenland werden Finanzkontrollen eingeführt und derweil beklagen Politiker und Medien einhellig das Ende des Vertrauens, dabei ist der Begriff so leer wie die Geldautomaten in Athen.

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