Virale Propaganda – Der Nahostkonflikt bei Twitter

 

Zwischendurch regnete es aus dem Himmel über Gaza kleine, weiße Zettel: „Bitte vermeiden Sie den Aufenthalt in der Nähe von Hamas-Kämpfern und anderen Terrororganisationen, die eine Gefahr für Ihre Sicherheit darstellen“, warnte das israelische Militär die Bewohner der besetzten Gebiete. Woher ich das weiß? Nicht etwa durch einen Aufenthalt in Gaza-Stadt, sondern weil ich aus der beheizten Berliner S-Bahn bequem den Twitterkanal der Israel Defense Forces las.

Absolute Deutungshoheit

Was das israelische Militär dort zeigt, ist eine bemerkenswerte Kommunikationskampagne. Nicht nur weil sie den Einsatz minutiös per Twitter begleitet, kommentiert und mit Kontrapunkten versieht. Das Militär versucht, der immerwährenden Diskussion über Täter und Opfer auf Twitter eine tatsächliche Antwort entgegenzustellen. Während auf diesen Seiten noch über einseitige Medienaufmerksamkeit gestritten wird, nehmen die Israelis die Deutungshoheit in die eigene Hand und begleiten die Operation „Pillar of Defense“ fürs internationale Publikum: Nachrichten gibt es wahlweise auf Englisch oder Spanisch. Versehen sind sie mit gelegentlichen multimedialen Elementen, wie dem Video der gezielten „Eliminierung“ von Ahmed al-Jabari:

 

Oder auch mit verdächtig an historische Propagandaposter erinnernde Grafiken:

 

In seiner Deutlichkeit ist all das unbestreitbar krass, bei näherem Hinsehen allerdings auch strategisch clever. Selbstverständlich sollen diese Nachrichten keine Extremisten umstimmen – ob der Einsatz das erreicht, mag ohnehin bezweifelt werden. Stattdessen ist die Kampagne ein klarer Versuch, mit modernen Mitteln aus der Masse der medialen Aufmerksamkeit hervorzustechen.

Gründe dafür gibt es genug: Jeder Militäreinsatz, gleichgültig vor welchem Hintergrund, bedarf eines gewissen Rückhaltes an der Heimatfront. Da sich die israelische Diaspora wie kaum eine andere über die ganze Welt erstreckt, gilt es natürlich auch ein internationales Publikum zu beschallen.

Aufmerksamkeit anno 2012

Denken wir kurz zurück an George W. Bushs legendäre „Mission Accomplished“-Rede zum Höhepunkt des Irak-Einsatzes: Die Inszenierung des US-Präsidenten im Kampfjet war visuell eindrucksvoll, sie lief über Fernsehbildschirme der ganzen Welt. Das Signal: Schaut her, die amerikanische Stärke ist ungetrübt.

Knapp zehn Jahre sind vergangen, und was damals im Fernsehen ablief, lässt sich heute vorzüglich durch soziale Netzwerke verfolgen. Für ein kleines Land wie Israel sind die Möglichkeiten immens: Eine offenkundig von langer Hand vorbereitete Social-Media-Kampagne sorgt für Aufmerksamkeit, wie es sonst nur mit gigantischem Budget möglich wäre. Nachrichten, Bilder und Informationen – genauso wie Rechtfertigungen und Drohungen – werden wie von selbst weitergereicht.

Die Erfolge des viralen Marketings zeigen: Botschaften sind deutlich effektiver, wenn sie von Freunden weitergereicht werden. Die Erkenntnis der vergangenen Tage ist, dass das Militär (nicht nur in Israel) dies mittlerweile verstanden hat. Willkommen bei der viralen Propaganda.

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