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Höhenrausch

Höhenrausch

Harald Jähner

Finished

Finished: 15 December 2024

Highlights

Angesichts der monströsen, entsetzlichen Entwicklung im Nationalsozialismus ist man versucht, die Republik nur als Vorgeschichte ihres Endes zu sehen und ständig nach frühen Indikatoren für ihren Zusammenbruch zu fahnden
Der Sturz des Geldwerts ins Bodenlose hatte die letzten Sicherheiten davongefegt, die nach der Abdankung des Kaisers und der Umwälzung der alten Welt geblieben waren. Jede Tradition war mit einem Fragezeichen behaftet, nichts bot Halt außer der Hoffnung, die man mit der Zukunft und den großen Plänen verband
Die rabiate Erneuerung des Bauens wurde ihnen zum sichtbaren Indiz eines Verlustgefühls, das sie in zaghaften Momenten immer wieder beschlich. Stück für Stück sahen nicht wenige ihre Heimat verlorengehen. Die neuen Sitten, die schlanken, selbstbewussten jungen Frauen, die verdrehte Musik, die naseweisen Chefs, der Preisdruck im Handwerk und Einzelhandel. Und dann diese Häuser, die aussahen wie aus Afrika! Die Alternative trug einen bezeichnenden Namen: Heimatschutzstil.
Um Gesinnung zu demonstrieren, eigneten sich auch die Haare, die Kleidung, die Musikvorlieben, die Wahl der Tageszeitung. Von den handfesten politischen Themen verlagerten sich die Konflikte in die Kultur, die Mode, den Lebensstil, die zwar auch Gesinnung verrieten, aber weniger manifest konnotiert waren und der Eignung zum Bekenntnis noch harrten. Nicht
August Sander, 1876 geboren, verfolgte seit Mitte der Zwanziger das ehrgeizige Ziel, summarisch die «Menschen des 20. Jahrhunderts» auf seine Platten zu bannen. Frontal im Bild, in selbstgewählten Posen und ihrer typischen Kleidung, sollten die Porträtierten für sich stehen und zugleich für ihren Stand, ihre Herkunft, ihre Region, ihre Überzeugung
. In der als typisch arisch dargestellten Auffassung der Arbeit als Dienst und Pflichterfüllung fanden leitende Angestellte und Arbeiter ein Identitätsangebot, das beiden schmeicheln konnte: Egalität, bei der niemand draufzahlen muss. Die Zerrüttung der Gesellschaft zerrte an den Nerven der Menschen, sie sehnten sich nach Einheit und Gemeinschaft
Dass es sich dabei allzu offensichtlich um eine trostreiche Weltsicht für Dumme und Zukurzgekommene handelte, konnte nicht verhindern, dass sie in Zeiten von Angst und Sorge dennoch immer mehr Attraktivität gewann
Es waren ja nicht die wirklich Hungernden, die die schlimmsten Bilder von ihr malten, sondern die von Angst geplagten, aus der Zuversicht verbannten Mittelschichten. Zu deren Ängsten lieferten die Nationalsozialisten den passenden Deckel. Gerade sie verstanden es meisterhaft, die wirtschaftliche Depression zu einer seelischen Krise zu überhöhen und so zu schildern, dass selbst der noch halbwegs gut Versorgte in Larmoyanz zerfloss und sich zutiefst erlösungsbedürftig fühlte
Für die vom Abstieg Bedrohten fühlte sich die Moderne nicht mehr nach Freiheit für jeden, sondern nach Vergnügen für wenige an. Das ließ sich mühelos steigern zu der wahnhaften Behauptung, die modernen Künste seien das Zersetzungswerk einer korrupten Elite, die dem Volk die Seele austreiben wolle
NS-Herrschaft sei Volksherrschaft, während in der Demokratie eine selbstverliebte, das Volk mit ihrer Minderheitenkultur terrorisierende Elite geherrscht habe
schweigenden Mehrheit, die sich von der Berliner Kulturszene, die maßgeblich die Kultur der Republik prägte, düpiert fühlte. Statt erbaulicher Schöngeistigkeit glaubte man dort nur Libertinage, Frauenemanzipation, Alltagssprache und respektlose Ironie zu sehen
Dieses im Grunde bizarre Gemisch konnte als Einheit durchgehen, solange es sich mit Zukunftsvisionen in Bewegung hielt und Feinde konstruierte, die es in Schach zu halten und zu vernichten galt
Aber was zählten in der verhetzten Atmosphäre schon Fakten